
als Unterseite vom Thema Transidentität findest.
Deutschland hatte ich jahrelang keine Krankenversicherung. Ohne Krankenkasse ist für mich eine
Hormonbehandlung jedoch unbezahlbar. Erst jetzt, Ende November 2011, habe ich die normalerweise jedem Menschen in Deutschland zustehende Krankenversichung, sodass ich hoffe, im
März nächsten Jahres nun doch endlich Hormone zu bekommen. Bis dahin kann ich mein Aussehen nur durch Styling wenigstens irgendwie ein wenig auf weiblich trimmen. An dieser
Stelle einen riesengroßen Dank an Britta und Mareike, zwei Bekannte, die mir vor der Aufnahme des Fotos beim Zurechtmachen geholfen haben. Denn selber bekomme ich es nicht
einmal annähernd so gut hin. Das ist eben einer der Unterschiede zwischen einer Frau, die mit 4 oder 5 Jahren als kleines Mädchen zum ersten Mal Mamis Lippenstift in die Finger
bekam und sich damit richtig
toll
geschminkt hat und einer, die
jahrzehntelang als Mann gelebt hat und erst im Alter von über 40 Jahren mit der Problematik des
Schminkens konfrontiert wurde. Nach 20 Jahren Üben, also wenn ich so um die 60 bin, werde ich mich bestimmt
auch ohne Hilfe zurecht machen
können. 
Entgegen meiner früheren Einstellung gehe ich heute häufiger unter Leute, sodass ich jetzt zum Glück auch viele Bekannte habe (keine Unmenge, aber für meine Verhältnisse viele), die mir bei solchen Dingen dann auch helfen. Und es geht mit meinem Leben endlich aufwärts. So wie ich das Wort Glücklichsein interpretiere, bin ich von diesem Zustand zwar noch unendlich weit entfernt. Doch ich sehe Licht am Horizont und kann heute von mir sagen, dass ich wenigstens schon einmal mit meinem jetzigen Leben annähernd zufrieden bin.
Seit Anfang 2008 trete ich auch in der Öffentlichkeit nur noch als Frau in Erscheinung. Weil ich praktisch davor überhaupt keinen Bekanntenkreis hatte, haben sich mögliche
Schwierigkeiten erübrigt, diesen Leuten meine plötzliche "Wandlung" zu erklären. Die wenigen, die es gab, haben mich durch Zuspruch sogar unterstützt. Auch bei meinen
Verwandten wurde dieser Schritt von mir nicht nur toleriert bzw. akzeptiert, sondern ebenfalls durchweg gutgeheißen. Wobei ich aber sagen muss, dass aufgrund sowieso fehlenden
Kontaktes zahlreiche meiner Verwandten gar nicht wissen, dass sie in mir statt einem Cousin, einem Neffen oder wie auch immer gearteten männlichen Verwandten
eine Cousine, eine Nichte oder eben eine weibliche Verwandte haben. Darüber wissen nur die Verwandten Bescheid,
mit denen ich auch Kontakt habe. Auf der Straße sieht es leider nicht so gut aus, was Toleranz
und Akzeptanz betrifft. Dort bemerke ich mir gegenüber häufig dumme Bemerkungen oder Blicke, die
jedoch Dank meines immer dicker werdenden Fells (wachsendes Selbstbewusstsein) mehr oder weniger
im Nichts verpuffen. Doch ich erfahre auch hin und wieder genau das Gegenteil - Bewunderung und
Anerkennung über meinen Mut, mich so in der Öffentlichkeit zu zeigen, wie ich nun einmal
innerlich bin. Und das gibt mir dann Auftrieb, beim nächsten Mal, wo wieder ein dummer Spruch kommt,
eventuell das Gespräch zu suchen und diesen Menschen über die Problematik Transidentität
überhaupt erst aufzuklären. Denn viele Menschen wissen überhaupt nichts über dieses Thema und
wenden einfach das ALF-Verfahren an. Das ALF-Verfahren wurde von mir so benannt nach der
Hauptfigur ALF vom Planeten Melmac aus der gleichnamigen Fernsehserie, der nach genau eben
diesem Prinzip verfuhr: Was er nicht kannte, machte er kaputt oder schlecht.
Bis zum Endpunkt, auch optisch eine soweit medizinisch möglich Frau zu sein, ist es für mich ein
noch seeeeehr langer Weg. Jedoch werden mich dabei auch solche Dinge wie z. B.
ein über drei Jahre laufender Prozess zwischen mir und der Arbeitsgemeinschaft (ArGe) Hamburg
über meinen Anspruch auf Hartz 4 und die damit verbundene Krankenversicherung nicht wirklich stoppen können.
Okay, aufhalten ja. Denn dieser Prozess hat mich fast 4 Jahre gekostet, in denen ich nicht meinen Weg gehen konnte, den ich endlich gefunden hatte.
Danke, liebe ArGe Hamburg Eimsbüttel! Solche Willkür von Ämtern oder Vergleichbares können mich aber
nur noch aufhalten, doch nicht mehr komplett stoppen. Ich weiß nach über 40 Jahren ziellosen Wartens
nun endlich, was ich bin und wie mein Weg ist. Und diesen Weg gehe ich jetzt!